Seelenstärkung

Ein Lächeln, ein wohlwollender Blick, eine Umarmung, eine liebe Geste, ein Gedicht, ein Bild, eine Melodie, ein Duft, die Natur, ein Lichtstrahl, Farben... alles Augenblicke... und doch Ewigkeit... losgelöst von der Zeit... für immer tief berührt... Schwingung... Erinnerung...

Diese Augenblicke sind die vielen kleinen Kostbarkeiten, die unsere Seele sammelt... und zusammengenommen sind es diese kleinen Kostbarkeiten, die unser grösster Schatz, unsere Freude, unser Glück, unser Heil sind - ja vielleicht ist das schon die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens?


Gesegnet Deine Trauer

Gesegnet Deine Trauer,
dass Du nicht erstarrst vor Schmerz,
sondern Abschied nehmen
und Dich behutsam lösen kannst,
ohne Dich verloren zu geben.

Gesegnet Deine Klage,
dass Du nicht verstummst vor Entsetzten,
sondern herausschrein kannst,
was über Deine Kraft geht
und Dir das Herz zerreist.

Gesegnet Deine Wut,
dass die Entmutigung Dich nicht überwältigt,
sondern die Kraft in Dir wachse,
für Dich zu kämpfen,
trotzdem Dein Leben zu wagen.

Gesegnet Deine Einsamkeit,
dass Du Raum findest,
Vergangenes zu ordnen,
ohne schnellen Trost zu suchen
in blinder Flucht.

Gesegnet Du,
dass Du Unsicherheit aushalten
und Ängste bestehen kannst,
bis Du wieder festen Grund spürst
unter Deinen Füssen
und ein neuer Tag Dir sein Licht schenkt.

(Antje Sabine Naegeli)

Du hast ein Recht auf deine Trauer

Du darfst Dich Deinen Verlusten widmen,
musst nicht verdrängen, was Dich beschwert.
Du hast ein Recht, das abzutrauern, was Dich so tief enttäuscht hat
und was Du nicht ändern kannst.
Du hast ein Recht auf Deine Tränen, auf  Dein Schweigen,
auf Deine Ratlosigkeit, auf Deine innere und äußere Abwesenheit.
Du musst nicht den Glücklichen spielen,
nicht über den Dingen stehen.
Du hast ein Recht, die wegzuschicken, die Dich mit Gewalt aus Deiner Trauer
herausholen wollen, weil Deine Trauer sie selbst bedroht.
Du hast ein Recht auf Deine Trauerzeit.
Du hast ein Recht, mit denen nicht reden zu wollen,
die Dir ein schlechtes Gewissen machen für Deine
Dunkelheit und Deine Trauer.
Die mit Sprüchen kommen und Dich mit diesen Sprüchen
unter Druck zu setzen versuchen.
Du hast ein Recht auf Deine Trauerstille.
Du hast das Recht, Dich zu wehren, gegen die, die Dir sagen,
was Du fühlen darfst und was nicht,
die Dich nicht als einzelnen, sondern als Fall behandeln
und sich innerlich nicht wirklich mit Dir einlassen.
Vielleicht macht Dich nichts so menschlich wie Deine Trauer.
Über sie kann ein Trauernder sich Dir nähern und auf Verständnis hoffen.
Trauern zu können ist eine Gabe.
Lass Dir das Recht auf Deine Trauer nicht nehmen.
Du hast das Recht, Deine dunklen Stunden zu durchleben und
Dich nicht durch billige Sprüche aus ihnen herauslocken zu lassen.
Schon der Versuch ist eine Entwürdigung Deiner inneren Wirklichkeit. Du bist
auch Deine Dunkelheit.
Die Abgründe und Widersprüche gehören auch zu Dir.
Die Schatten geben Deinem Leben Tiefe und Menschlichkeit.
Wer mit Dir in Beziehung tritt, sollte wissen, dass diese Seite zu Dir gehört.
Wer sie in Dir ablehnt, hat nicht das Recht, sich Deinen Freund und Deine
Freundin zu nennen.
Manche geben Dir nicht das Recht auf diese Seite in Dir.
Sie erwarten, dass Du sie unterschlägst und das Glück vorspielst.
Vielleicht haben sie weniger Angst für Dich, als für sich selbst,
weil sie durch Dich an das Unoffene in sich selbst geraten.
Wenn sie darum Dir helfen wollen, geschieht es nicht,
um Dir zu helfen, sondern sich selbst."

Text von Ulrich Schaffer


Die Nacht der Trauer

Im Land der Trauer will die Nacht nicht mehr aufwachen.
Mond und Sterne haben längst ihr Leuchten eingestellt.
Selbst die Schatten gingen in der Finsternis verloren.
Schwarze Gräser säumen unseren Weg, den wir nicht sehen.
Doch jede Hand, die man uns entgegenstreckt, verwandelt sich in Licht.

(Renate Salzbrenner)

Mach es wie Beppo - immer nur ein Schritt um den anderen

Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wußte, es war eine sehr notwendige Arbeit. 

 Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt - Atemzug -Besenstrich. 

 Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. "Siehst du, Momo", sagte er dann zum Beispiel, "es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man." 

 Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: "Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen." 

 Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: "Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten." Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: "Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein." 

 Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: "Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste." Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: "Das ist wichtig." 

 Michael Ende in der Geschichte "Momo"

Tod bedeutet nichts

Tod bedeutet gar nichts. Ich bin nur nach nebenan verschwunden. Ich bin ich und Du bist Du. Was immer wir füreinander waren, das sind wir noch. Nenne mich bei dem alten vertrauten Namen. Sprich von mir, wie Du es immer getan hast. Ändere nicht deinen Tonfall. Zwinge Dich nicht zu aufgesetzter Feierlichkeit oder Traurigkeit. Lache weiterhin über die kleinen Scherze, an denen wir gemeinsam Spaß hatten. Spiele, lächle, denke an mich, bete für mich. Lass meinen Namen weiterhin so geläufig sein, wie er immer war. Sprich ihn unbekümmert aus, ohne die Spur eines Schattens. Das Leben bedeutet all das, was es bisher bedeutete. Es ist genauso wie immer. Es geht uneingeschränkt und ununterbrochen weiter. Ist der Tod nicht nur ein unbedeutender Zwischenfall? Warum sollte ich aus dem Sinne sein, nur weil Du mich nicht mehr siehst? Ich bin bin bei Dir, ganz nah. Alles ist gut.“
 

Nach Henry Scott